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Peer Steinbrück - Der Aalkönig 2007

Peer Steinbrueck

Peer Steinbrueck

Die SMS erreichte ein Mitglied des Bad Honnefer Aalkönig-Komitees am 13.März um 21:32 Uhr auf Mallorca: „ Das mit dem 12.10. gegen 20hrs klappt. Grüße Peer.“ Der Rest war Formsache: kurz darauf entschied sich das Komitee einstimmig, Bundesfinanzminister Peer Steinbrück zum 5. Bad Honnefer Aalkönig zu wählen, nach Wolfgang Clement, Lothar Späth, Konrad Beikirchcr und Friedrich Merz. Allen im Küratorium war bewusst : die Veranstaltung im Kurhaus, die nach rheinischer Lesart („Was zweimal gefeiert wird, ist Tradition“) im Begriff ist, geschichtsträchtig  zu werden, steuert einem neuen Höhepunkt entgegen. Der Finanzchef der Großen Koalition als Nachfolger von Friedrich Merz, dem ökonomischen Überflieger und Bierdeckel-Reformer der Union, Parteifeind von Kanzlerin Angela Merkel – eine Inszenierung, die weit über den Festsaal hinaus für Bad Honnef werben wird. Das ist schließlich der Sinn der jährlichen Aalerei. 
    
Noch nie zuvor war eine Aalkönig-Kür mit soviel Geheimniskrämerei verbunden. Selbst die Riege der Komitee-Mitglieder hielt drei Monate lang dicht. Für rheinische Verhältnisse eine schon Besorgnis erregende Disziplin, eigentlich wäre ein Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde fällig. Soll noch einer behaupten, im Klüngel und Klaaf an Theken und in Kränzchen bliebe nichts unter der Decke. Falsche Fährten wurden gelegt. Von Schauspielern und Fußballstars war die Rede,  sogar diverse Aalköniginnen wurden gehandelt. Als am 1. Juni auf den Rheinwiesen vor dem Liegeplatz des Aalschockers „Aranka“ Peer I als Nachfolger von Friedrich I nominiert wurde, war die Überraschung gelungen. Berufsschreiber, Radioreporter und TV-Profis verbreiteten die frohe Botschaft weit über die „Honnefer Sonntagszeitung „hinaus – bis in die exklusiven Spalten des „Spiegel“.

Schon vor seiner Krönung steckte der selbstbewusste 60-jährige Hamburger  bei „Aalen und Anwohnern“ sein künftiges Revier ab. Nachfolger, nicht Nachahmer will Steinbrück sein in der exklusiven Galerie der Honnefer Monarchen: „In der Traumkombination gebürtiger  Fischkopp plus voll integrierter Rheinländer bin ich nun mal die Idealbesetzung für den Job“.  Offensichtlich noch nicht so vertraut mit den Usancen im feudalistisch regierten Honnefer Aalkosmos, bemühte der Sozialdemokrat allerdings reflexartig seine eingeübten Wahlkampfsprüche aus demokratisch-parlamentarischer Vergangenheit. Seine Krönung, so verkündete Steinbrück, werde natürlich die Große Koalition  stärken. Mit Friedrich Merz verliere nämlich der brillanteste Querkopf der Union seine Honnefer Machtbasis und könne so seiner Kanzlerin nicht mehr gefährlich werden. Seine eigene Inthronisation verringere zudem den Ein-Prozent-Abstand zwischen Union und SPD im Bundestag um „gefühlte  o,9 Prozent“, stärke also das Selbstbewusstsein des kleineren Partners. Friedrich I, ganz König und noch mehr Sauerländer, ließ den Politschmäh aalcool abtropfen: „Aale sind immer schwarz, niemals rot“.
 
Bad Honnefs künftiger Herrscher wird, abgesehen von gewissen Pflichtterminen in Berlin und in der weiten Welt, seine ganze Kraft in die Symbiose von nordischer Kühle und rheinischem Temperament investieren – getreu der Maxime Willy Brandts: „Es findet zusammen, was zusammen gehört“. Dazu befähigt ihn seine hanseatische Herkunft als Sohn eines Hamburger Architekten und die unermüdliche, pädagogisch hoch professionell Umerziehung durch seine rheinische Frau, die Godesberger Studienrätin und Biologin Dr. Gertrud Steinbrück. Sie hat es im Frühjahr dieses Jahres sogar geschafft, dem gelernten Ökonomen beizubringen, dass der Grenznutzen eines direkten Familienkontaktes zu wilden Tieren in der namibischen  Etoscha- Pfanne wesentlich höher sei als die Anwesenheit bei einer gleichzeitigen Routinekonferenz der  Nadelstreifenträger von Weltbank und Währungsfonds in Washington DC. Wenn er mal nicht seinen Etat gegen Ausgabenwünsche von Genossen und Christdemokraten verteidigt, erfrischt er sich mit Vorliebe an britischen Limericks, je bissiger, desto willkommener. Krimis und Biographien zieht er seichten Romanen vor und wenn er einen erwischt, gegen den sich eine Partie Schach zu lohnen verspricht, dann greift er zu und wenn es – so im Jahre 2005 – der amtierende russische Weltmeister Wladimir Kramnik ist, dem er satte 37 Züge standhielt. Ungeklärt ist, ob es Eitelkeit vor dem Spiegel oder sportlicher Ehrgeiz ist, die ihn gelegentlich auf den Tennisplatz oder den Jogging-Kurs in seinem Wohnort Bad Godesberg treiben.

Beruflich gab`s für ihn bislang nur eine Richtung: vorwärts. Nach Abi und zwei Jahren Dienstzeit bei der Bundeswehr studierte er in Kiel und schloss dort 1974 als Diplom-Volkswirt ab. Er heuerte in der Regierung des von ihm verehrten Kanzlers Helmut Schmidt an, zunächst im Bauressort und im Forschungsministerium, später im Bundeskanzleramt und in der damaligen Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in der DDR. Als Helmut Kohl 1982 übernahm, wechselte Steinbrück zunächst in die Oppositionsfraktion im Bundestag und später zu Johannes Rau nach Düsseldorf, dessen Büro er von 1986 bis 1990 leitete. Dort lernte er Wolfgang Clement kennen, eine Freundschaft, die bis heute hält. Von 1992 bis 1998 ließ er sich von Heide Simonis nach Schleswig-Holstein locken, wo er bis zum Wirtschaftsminister aufstieg. Als ihn NRW-Ministerpräsident Clement
1998 anrief, um Wirtschaftsminister in der einstigen Wahlheimat zu werden, zögerte er keine Sekunde. Sein Leitgedanke „Kontinuität und Verlässlichkeit ohne ideologische Scheuklappen" half ihm, ebenso wie Clement, die Vorbehalte gegen den von Rau hinterlassenen Grünen Koalitionspartner zurück zu stellen. Als Wirtschafts- und Finanzminister, aber auch als Clement-Nachfolger im Amt des Regierungschefs ging er keinem Streit mit den Alternativen aus dem Weg, hielt aber dennoch die Regierung zusammen. Bis zum Mai 2005.
Bei der NRW-Landtagswahl holte Steinbrück zwar seinen Wahlkreis, verlor aber Sessel und  Rundumblick im gläsernen Düsseldorfer Stadthaus an Jürgen Rüttgers. Steinbrück tauchte ab. Kanzler Schröder rief nach dem Verlust der roten NRW-Bastion in Berlin zu vorgezogenen Neuwahlen. Und siehe da, Peer der Aal, tauchte wieder auf, als Finanzminister einer Großen Koalition unter Angela Merkel. Keiner aus der schwarzen Riege traute sich, die Verantwortung für die billionenschwere Schuldenlast zu schultern.    
 
Ausgerechnet diesem Mann für ein Jahr die Herrschaftsgewalt in Bad Honnef anzuvertrauen, macht also Sinn. Wer in Berlin seine Töpfe Tag ein, Tag aus gegen gierige Geier aus allen Richtungen verteidigen muss und sich trotzdem zum Finanzchef  einer wieder erblühten deutschen Volkswirtschaft gewandelt hat, dem traut das Aalkönigkomitee einiges zu. Wer, wenn nicht er, kann die chronisch leere Stadtkasse von Bad Honnef mit seinen vielen reichen Bürgern sanieren, wenigstens den Verantwortlichen gelegentlich eine königliche Nachhilfestunde im Rathaus gewähren, wenn` s sein muss bei einem Kölsch auf Kosten des Komitees.

Gefallen hat den Honnefer Königsmachern auch, mit welch durstiger Inbrunst dieser scheinbar so spröde Hanseat vom Rhein und seinem Wein schwärmen kann. Mit Empörung hat der Fan kürzlich eine Aussage des französischen Schriftstellers Michel de Montaigne, um 1580 Bürgermeister von Bordeaux, zurückgewiesen : „Die Deutschen trinken jeden Wein fast gern. Ihr Ziel ist es, sich voll laufen zu lassen“.  Der bekennende Riesling-Fan identifiziert sich da schon lieber mit dem englischen Weinpapst Hugh Johnson, der den Liebhabern des Rheinweins bescheinigte: „Sie sehen gut aus, sind intelligent, sexy und gesund“.

Eine Erwartung des Komitees muss Peer I, am besten unmittelbar nach seiner Krönung, noch erfüllen.
Bislang hat er stets das Nashorn als sein Lieblingstier herausgestellt: „Die kommen langsam in Gang, aber wenn sie einmal in Fahrt sind, hält sie nichts mehr auf“. Bad Honnef sähe es schon sehr gerne, wenn Peer I fortan nur noch mit dem Aal liebäugelt, vielleicht unter dem Motto: „Den sieht man lange nicht, aber plötzlich ist er im Ziel“. Dazu ein Hinweis vom Komitee: In zwei Jahren wird wieder gewählt, nicht nur in Bad Honnef, sondern in der ganzen Bundesrepublik.      

Klaus Wirtgen