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Friedrich Merz wird Aalkönig 2006

Friedrich Merz

Friedrich Merz

Honnefer Aalkönige sind Non-Konformisten. Wolfgang I, Lothar I,  beide waren  Politiker, Führungsfiguren in ihren Parteien. Konrad I ist Kabarettist und Autor. Alle drei waren niemals angepasst und haben –wie die Aale– in fremden Gewässern nicht nur gewildert, sondern auch Bekanntschaften, sogar Freundschaften über Grenzen geschlossen.

Friedrich Merz passt in diese Galerie. Wie der Edelfisch im Rhein Reusen und Fallen geschickt umschwimmt, so bewegt sich Merz mal elegant und wendig, mal robust und angriffslustig durch die Reihen seiner Widersacher, insbesondere zwischen jenen Artgenossen, die so eingefärbt sind wie er. Und wie der fette Edelfisch bei Tisch unbeherrschten Essern Mahlzeit und verderben kann, so bereitet Merz jenen Ungemach und Pein, die ihn mit falschen Versprechungen in Hinterhalte locken wollen oder ihr Wort nicht halten. Dabei ist es dem smarten Anwalt gleichgültig, welchen Geschlechtes seine Gegner sind. (Namen von Opfern werden aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht genannt, können aber bei dringendem Bedarf beim Komitee erfragt werden.)

Friedrich Merz und Bad Honnef – eine längere Geschichte. Mal sollte und wollte der Sauerländer den Rheinischen Schützentag im schönen Kurhaussaal eröffnen, ließ dann aber dem damaligen Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe aus Brandenburg den Vortritt. Sein Terminplan machte nicht mit als er im Frühjahr vor dem Honnefer Kulturring referieren wollte. Als das Aalkönigkomitee mit den royalen Insignien der Macht am Rhein winkte, gab´ s kein Halten mehr....
Was Aachen, wo Merz in diesem Jahr zum „Ritter wider den tierischen Ernst“ gekürt wurde, recht ist, ist dem Nizza am Rhein billig.                

Der 51-jährige Sohn eines Richters wurde im sauerländischen Brilon geboren, wurde, wie es sich gehört, ebenfalls Jurist und heiratete, wie es sich gehört, die Richterin Charlotte Gass, mit der er drei Kinder hat. Schon früh engagierte er sich in der Jungen Union. 1989 errang er erstmals ein politisches Mandat und vertrat den Wahlkreis Sauer-/ Siegerland bis 1994 im Europäischen Parlament.
Fortan vertrat er den Wahlkreis im Bundestag. Schnell machte er sich einen Ruf als Finanz- und Steuerpolitiker, vor allem aber als brillanter Debattenredner. Nachdem er sogar 1998 bei der Wahlniederlage Helmut Kohls gegen Gerhard Schröder seinen Wahlkreis mit absoluter Mehrheit verteidigt hatte, wurde er zu einem der Hoffungsträger der Union, vor allem als Verteidiger der Marktwirtschaft gegen den damaligen SPD-Chef Oskar Lafontaine.

Die CDU-Spendenaffäre beschädigte 1999 nicht nur den Ehrenvorsitzenden Kohl, sondern führte auch zum Rücktritt Wolfgang Schäubles als Partei- und Fraktionsvorsitzender. Dessen Nachfolger im Parlament wurde Friedrich Merz, mehr noch: Er wurde zum Symbol der Erneuerung der CDU. Doch nachdem im Jahre 2000 Angela Merkel zur Parteivorsitzenden gewählt wurde, bauten sich kontinuierlich Spannungen zwischen der Ostdeutschen und dem Sauerländer auf. Zum Eklat kam es als Angela Merkel nach der Niederlage Edmund Stoibers im Jahre 2002 gegen Schröder auch den Fraktionsvorsitz und damit auch die Kanzlerkandidatur beanspruchte – damals noch im Blick auf die nächste Bundestagswahl im Jahre 2008.

Um die Fraktion nicht zu spalten, verzichtete Merz auf eine Kampfkandidatur. Doch sein Frust saß tief. Er erklärte öffentlich, dass er sich von Merkel und Stoiber hintergangen und getäuscht fühle. Ende 2004 kündigte er seine Ämter als Mitglied des Präsidiums und als stellvertretender Fraktionsvorsitzender. Fortan konnte er als einfacher , aber freier Abgeordneter bestimmen, wann er Angela Merkel über den Weg laufen wollte.

Zugleich erweiterte Merz seinen Aktionsradius weit über die Politik hinaus. Er hatte leidvoll erfahren, was es bedeutet, von politischen Machtstrukturen abhängig zu sein. Wie gewohnt pflegte er seinen Wahlkreis. Doch parallel dazu mehrten sich die Mandate, die der Anwalt in Räten von Versicherungen, bei der Deutschen Börse  und einem englischen Hedge („Heuschrecken“)-Fonds annahm. Irritiert erlebten seine nordrhein-westfälischen Bundestagskollegen, wie sich Merz jüngst aus ihren Debatten um die künftige Rolle der Kohle –routiniert wie ein Aal– abtauchte und sich –neben Gerhard Schröder– als Berater der Essener RAG (früher Ruhrkohle AG) zu erkennen gab. Proteste gegen seine Bauchladentätigkeit neben dem politischen Madat wehrt Merz vehement ab. Er will beweisen, dass zur verfassungsmäßig gesicherten Unabhängigkeit des Abgeordneten auch dessen freie Berufsausübung gehört. Seine Klage vor dem Verfassungsgericht soll Klarheit schaffen.

Die Freiheit von politischen Ämtern hindert Merz nicht, sich auf vielfältige Weise ins Gespräch zu bringen. Er hantierte solange mit den komplizierten Steuergesetzen und -tarifen herum, bis er eine Steuererklärung für alle auf einem Bierdeckel präsentieren konnte. Großes Lob bei den einen, Geschrei bei den anderen. Bislang hatte die Kanzlerin noch nicht den Mut, das populäre Produkt zu propagieren. Ganz anders der Berliner DGB.

Längst haben die Gewerkschafter Friedrich Merz als Preisträger für den „Loriot „-Preis ausgeguckt. Sie befanden den Finanzpolitiker für preiswürdig, sein Bierdeckelmodell, offensichtlich einem Loriot-Sketch nachempfunden, könne uns künftig von allen Geldsorgen befreien. Erforderlich seien Ausdauer und Potenz : wenn nämlich ein 30 jähriger Arbeitnehmer mit vier Kindern und einem  Monatseinkommen von 1200 Mark laut Merz-Bierdeckel  am Jahresende 846 Mark Steuerermäßigung kassiere, dann müsse der Fiskus  der Logik der Progression folgend einem  97-jährigen Angestellten mit 53 Kindern eine jährliche Steuerermäßigung von 386 000 Mark zahlen. Die geplante Ehrung fand allerdings noch nicht statt, weil sich noch kein Sponsor bei den Gewerkschafter gemeldet hat. 

Die vom Bierdeckel-Modell begeisterten freien Autohändler haben selber in die Kasse gegriffen. Für sie ist Merz der begehrteste und qualifizierteste Gebrauchtwagenverkäufer überhaupt. Deshalb haben sie ihm ein goldenes Lackschichtendickenmessgerät verehrt. 

Ein Paar Socken mit Berliner Bären als Schmuck gab es in Berlin auf dem Ku-Damm. Ein sauerländischer Strumpfhersteller hatte den prominenten Landsmann zur Eröffnung einer Dependance geladen. Ungeklärt ist freilich bis heute, ob er wegen der Socken kam oder ob der Zwei-Meter-Mann sich mit dem ebenfalls erschienenen blonden Top-Model Nadja Auermann messen wollte.

Von heute an unterwirft sich Aalkönig Friedrich I. dem strengen höfischen Protokoll seiner neuen rheinischen Residenz Bad Honnef. Einsame Entscheidungen, unabgesprochene Attacken gehören der Vergangenheit an.
Ab sofort darf nur noch gemacht werden, was Spaß macht und einem guten Zweck dient. Keine Sorge, König Friedrich: Das letzte Wort hart der Regent.

Klaus Wirtgen