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Der erste Honnefer "Aalkönig": Wolfgang Clement

Wolfgang Clement

Wolfgang Clement

„Aalkönig" Wolfgang Clement und Bad Honnef – das ist eine lange Geschichte. Der geborene Bochumer, inzwischen 63 Jahre alt und damit –keiner sieht's ihm an– älter als der Bundeskanzler, hat niemals hier gewohnt. Doch er war und ist eigentlich ständig anwesend. Wenn er aus seinem Bad Godesberger Bungalow auf die andere Rheinseite blickt, dann ist er schon halb auf dem Weg zur Fähre, ob als Jogger, Radfahrer oder in Ministerblau.


Seine Besuche im „Nizza vom Rhein" funktionieren ohne Protokoll. „De Clement", so nennen ihn diejenigen, die es aufgegeben haben, sich in den zurückliegenden Jahren an immer neue Ämter und Titel dieses Politikers zu gewöhnen: Staatssekretär, Chef der Düsseldorfer Staatskanzlei, Wirtschaftsminister, nordrhein-westfälischer Ministerpräsident, Bundesminister für Wirtschaft und Arbeit. Selbst seine Zugehörigkeit zur Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) wird von den Bürgern der Adenauer-Stadt auffallend häufig ohne die sonst üblichen Erregungssymptome toleriert. Ausnahmsweise aufkommende reflexartige Aufwallungen pflegen in dem Satz ihren Höhepunkt zu erreichen: „Wenn Sie ein anderes Parteibuch hätten, täten wir sie sogar wählen, Herr Clement". Dann guckt er so nachsichtig, milde und verständnisvoll drein... Seine Berliner Mitarbeiter und die Genossen in seiner Partei können von so viel Nachsicht nur träumen. Wie viele dieser Sympathiebezeugungen in Wahrheit seiner Frau Karin gelten, wird demnächst durch eine empirische Vor-Ort-Gemeinschaftserhebung der Institute Allensbach, Forsa und Rheinisches Landesmuseum hoffentlich ein für allemal geklärt. Es darf gewettet werden!
Es kann nicht bestritten werden, dass Wolfgang Clement ein ausgesprochen entspanntes Verhältnis zu zahlreichen Honnefer Gastronomen pflegt. Ihrem Geschick ist es zu verdanken, dass der passionierte Pilstrinker inzwischen auch mal zum Weinglas greift. Vor drei Jahren feierte er im bekannten „Weinhaus Steinbach" sogar seinen 60. Geburtstag. Seinen fünf Töchtern und deren Familien, verstreut über Minnesota, München, Bonn und Düsseldorf ist der „Treffpunkt Honnef" inzwischen ebenso vertraut wie seiner Freunden.

Aber es entspricht auch den Tatsachen, dass sich Wolfgang Clement seit vielen Jahren für das Honnefer Vereinsleben interessiert und engagiert, als wohne er auf der „schääl sick". Ob die Prunksitzungen der Karnevalsgesellschaft „Halt Pol" im Kurhaus, ob die Rhöndorfer Schützen ihr neues Vereinsheim einweihten, ob die Basketballer des RTV oder des Hagerhof-Gymnasiums ihn in der Menzenberger Halle begrüßten, die Zeit fand er immer. Und die Entscheidung für die Ansiedlung der Tourismus-Hochschule in Bad Honnef war bei dem Mann, der damals noch in Düsseldorf regierte, gut aufgehoben. Er hatte sich neben dem CDU-Politiker Wolfgang Schäuble seine Meriten bei den Verhandlungen um den deutsch-deutschen Vertrag erworben. Dass die Region um Bonn bei dem anschließenden Gefeilsche um die Millionen für Berlin oder Bonn nicht zu kurz kam, dafür sorgte schon die Sympathie des Ruhrpottjungen für seine rheinische Zweitheimat, der er auch nach seiner Abwerbung an die Berliner Bundesbühnen die Treue hielt.
Lange Dauerläufe auf der Insel Grafenwerth oder rund um die Löwenburg am Wochenende zählen für den inzwischen zum Berliner Asphaltrenner zwangsmutierten Doppelminister zu den Highlights seines stressigen Daseins. Noch vor nicht allzu langer Zeit konnte er sich leisten, unter Hinweis auf akute Flugängste selbst eine weite Reise nach Warschau mit dem Zug anzutreten. Jährlich legte er noch als Ministerpräsident hunderttausende Kilometer im Dienstwagen zurück. Selber fahren ist allerdings nicht drin – Clement besitzt keinen Führerschein. Um keine Zweifel aufkommen zu lassen: Er besaß noch nie eine Lizenz. Seine private Bewegungshelferin und zuständig für die Überwindung langer Strecken an der Seite eines pedantischen Kartenlesers heißt Karin und ist seine Frau.

Spätestens mit dem Umzug aus dem Düsseldorfer Stadttor ins Berliner Ministerium hat die Flugangst als Argument ausgedient. Heute Berlin, morgen London oder Paris, übermorgen New York oder Cancun, gestern hat er noch nicht gewusst, was ein Vielflieger ist, heute ist er einer.
Kreative Unruhe, oft Ungeduld, immer Leidenschaft für Projekte, sei es der Kampf gegen Arbeitslosigkeit oder Bürokratie, sei es sein Engagement für moderne Technologien, Clement hat das Image des Machers stets bejaht und gepflegt. Blutlose Programmdebatten und ideologische Diskurse sind ihm ein Graus.

Abitur in Bochum, Jura-Studium in Münster, eine bürgerlich geordnete Vita schien programmiert. Wissenschaftlicher Assistent an der Marburger Universität war zwar eine honorige Profession, doch den jungen Bochumer zog das umtriebige Leben und die spannungsgeladene Atmosphäre einer Zeitungsredaktion unwiderstehlich an. Er hatte das Glück, dass seine Frau Karin seine Abkehr vom Pfad einer akademischen Karriere in die bunte Welt der Medien mitmachte. Als im Jahre 1968 die Studenten überall zum Protest gegen den Vietnam-Krieg und gegen das Establishment auf die Straße gingen, bezog der junge Jurist Posten in der politischen Redaktion der „Westfälischen Rundschau" in Dortmund. Bereits ein Jahr später berief ihn Chefredakteur Günter Hammer zum Ressortleiter Politik bei der Regionalzeitung. Eintritt in die SPD und sein Aufstieg zum stellvertretenden Chefredakteur (von 1973 bis 1981) waren die nächsten Stationen seiner Karriere. Später engagierte ihn der von ihm hoch verehrte Willy Brandt als SPD-Sprecher und später sogar als stellvertretenden Bundesgeschäftsführer der Partei. Er lernte Johannes Rau, den Ministerpräsidenten von NRW näher kennen und organisierte dessen erfolgreiche Wiederwahl im Jahre 1985. Zwei Jahre später stellte sich Rau zur Wahl als Kanzler - gegen Helmut Kohl. Wieder managte Clement, Seite an Seite mit Bodo Hombach, die Kampagne. Nach den verlorenen Wahlen in Bayern und Hamburg im Herbst 1986 kündigte der politische Senkrechtstarter seine Parteiämter auf. Wenn andere schon zur Tagesordnung übergingen, er wollte Verantwortung übernehmen. Er besann sich seiner Qualifikation und kehrte ins journalistische Gewerbe zurück. Er übernahm für fast zwei Jahre die Chefredaktion der „Hamburger Morgenpost" und entfernte der Boulevardzeitung als erstes die nackten Schönen von der Titelseite. Anfang 1989 holte ihn dann Rau nach Düsseldorf und machte ihn zum Chef der Staatskanzlei. Er wurde schnell zum wichtigsten Mann am Kabinettstisch. Clements Aufstieg auf der politischen Karriereleiter war fortan nicht mehr zu stoppen. Heute zählt er zu den Leistungsträgern des Schröder-Kabinetts. Aber auch in der Opposition genießt er Anerkennung – bis hin zum bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber. Wer, wenn nicht Superminister Wolfgang Clement, wäre besser geeignet, mit seiner Reputation den Ruf der Stadt Bad Honnef ins Land und über die Grenzen hinaus zu tragen? Aalkönig! Clement! Honnef! ... Entschuldigung, wir sind noch nicht am 11.11. angekommen.

BAD HONNEF, OKTOBER 2003

Klaus Wirtgen